Ein Stoff, ein T-Shirt und drei Zollbehörden. Wer am Ende zahlt, ist selten der, den die Schlagzeile nennt.
2025 hat die US-Regierung rund 200 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Zolleinnahmen verbucht. Eine im Januar 2026 veröffentlichte deutsche Studie zeigt: Ausländische Exporteure haben davon nur etwa 4 Prozent getragen. Die restlichen 96 Prozent blieben an US-Importeuren und letztlich an den Verbrauchern hängen.
Für Textilien hat diese Mechanik eine eigene Logik. Denn in den Zolltarifen steht selten „Stoff". Was importiert wird, ist das fertige Kleidungsstück – und damit entscheidet nicht der Ursprung des Gewebes über die Zollhöhe, sondern der Ursprung des Konfektionsprodukts.

Das klingt nach einer Formalität. Es ist der Kern des Problems.
Warum Meterware selten als Meterware über die Grenze geht
Die US-Handelsstatistik macht das Verhältnis deutlich. 2024 importierten die USA Waren des HS-Kapitels 60 – also Maschenware und Gewirke – im Wert von rund 9 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Bekleidung aus Maschenware (HS 61) und Webware (HS 62) summierte sich auf über 83 Milliarden US-Dollar (Quelle: UN COMTRADE).
Stoff wird nicht als Stoff gehandelt. Er wird als Kleidungsstück importiert. Der Zoll fällt erst auf der letzten Stufe an.
Genau hier setzt die „China-plus-one"-Strategie an, die viele US-Marken seit 2018 verfolgen: Produktionsschritte nach Vietnam, Bangladesch oder Indien verlagern, Vorprodukte weiter aus China beziehen. Der Stoff bleibt chinesisch, das T-Shirt wird vietnamesisch – und der Zoll richtet sich nach dem T-Shirt.
Die USA haben darauf reagiert. Wer heute aus Vietnam liefert, muss nachweisen, dass eine „wesentliche Umwandlung" (substantial transformation) stattgefunden hat. Zuschnitt und Naht allein reichen nicht immer aus. Der Unterschied ist erheblich: 20 Prozent regulärer Zoll oder 40 Prozent Strafzoll bei Transshipment.
Drei Zollschichten, nicht eine
Über US-Zölle auf Textilien zu sprechen, als gäbe es einen einzigen Satz, führt in die Irre. Es gibt mindestens drei Schichten, die sich addieren.
| Zollart | Satz | Anwendungsbereich |
|---|---|---|
| Basiszoll | 10 % | Alle Länder (seit April 2025) |
| Reziproke Zölle | ab 34 % (China) | Länderspezifisch; zeitweise 125 %, ab Mai 2026 gedeckelt |
| Section-301-Zusatz | +12,5 % | China, Vietnam |
Die kumulierte Belastung für chinesische Textilien lag 2025 zeitweise bei über 100 Prozent. Im Mai 2026 einigten sich die USA und China auf eine Obergrenze, die den weiteren Anstieg bremst. An der Grundstruktur ändert das nichts: Drei Schichten bedeuten dreifachen Verwaltungsaufwand und dreifache Unsicherheit bei der Kalkulation.
Für Vietnam – lange der Profiteur der China-Verlagerung – gilt seit August 2025: 20 Prozent auf reguläre Exporte, 40 Prozent auf Transshipment-Ware. Der Abstand zwischen diesen beiden Sätzen entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Lieferketten. Ein chinesischer Stoff, der in Vietnam nur umetikettiert wird, ist keine vietnamesische Ware. Punkt.
Wo die Kosten tatsächlich landen
Die Frage, wer die Zölle trägt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt an der Verhandlungsmacht innerhalb der Lieferkette.
Ein Stoffkosten-Beispiel aus der Praxis: Bei einem mittelpreisigen Funktionsgewebe entfallen 40 bis 50 Prozent auf das Material, 15 bis 20 Prozent auf die Weberei, 20 bis 25 Prozent auf die Färberei, 5 bis 10 Prozent auf die Ausrüstung. Die Marge macht 5 bis 15 Prozent aus.
Wenn ein Importeur den Einkaufspreis um 15 Prozent drückt, verschwindet die gesamte Marge. Der Stoffhersteller kann das kurzfristig nicht kompensieren – es sei denn, er senkt die Qualität, verlagert die Produktion oder gibt den Druck an die Spinnerei weiter.
Genau das passiert. Wer die schwächste Position hat – in der Regel die unterste Stufe der Kette – trägt die Last. Die Marke am Ende merkt davon oft wenig, bis die Qualität nachlässt. Reklamationen über verzogene Ware oder ungleichmäßige Färbung sind dann kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kostenkette, die an einer Stelle zu stark gezogen wurde.

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Was die Zahlen wirklich zeigen
Die Handelspolitik hat die Ströme verschoben – aber nicht so, wie es die einfache Erzählung nahelegt.
Chinas direkte Bekleidungsausfuhren in die USA sind zwischen 2019 und 2024 gewachsen: von 17 Milliarden auf 21,3 Milliarden US-Dollar bei Maschenware (HS 61), von 13,1 auf 13,3 Milliarden US-Dollar bei Webware (HS 62). Kein Einbruch.
Die absolute Zahl verdeckt den relativen Rückgang:
- Vietnams Anteil am US-Bekleidungsmarkt liegt inzwischen über 20 Prozent.
- Chinas Anteil ist im ersten Quartal 2026 auf 10,7 Prozent gesunken – ein Rückgang um über acht Prozentpunkte.
- Der Markt wächst. China wächst nicht mit.
Für Stofflieferanten bedeutet das: Der direkte Draht zum US-Kunden wird dünner. Wer als chinesischer Weber bisher an eine US-Marke geliefert hat, liefert jetzt an einen vietnamesischen Konfektionär, der wiederum an die US-Marke liefert. Jede Stufe kostet Marge.
Was deutsche Einkäufer daraus machen sollten
Deutsche Marken sind von den US-Zöllen nicht direkt betroffen – sie liefern nicht in die USA. Der Effekt kommt über die Beschaffungsseite zurück.
- Gleiche Kapazitäten, höhere Nachfrage: Wenn US-Marken ihre Beschaffung von China nach Vietnam verlagern, steigen dort Preise und Lieferzeiten. Das trifft alle Käufer, auch europäische.
- Ursprungsnachweise werden zum Wettbewerbsfaktor: Wer aus Vietnam, Bangladesch oder Indien bezieht, braucht lückenlose Dokumentation. Ohne sie droht der Strafzoll – und der trifft im Zweifel den Importeur, nicht den Zulieferer.
- Zollklauseln in Lieferverträge: Wer heute einen 24-Monats-Vertrag abschließt, sollte eine Klausel für Zolländerungen einbauen. Drei Jahre Planungssicherheit sind Vergangenheit.
Und ein Denkfehler sollte ausgeräumt werden: Die Vorstellung, Zollkosten ließen sich einfach „weitergeben", hält sich hartnäckig. Die deutsche Studie zeigt das Gegenteil. Wer weitergibt, verliert den Kunden. Wer nicht weitergibt, verliert die Marge. Es gibt keine saubere Lösung – nur eine Wahl zwischen zwei Übeln.
Warum das für die Stoffpreise langfristig relevant bleibt
Kurzfristig können europäische Einkäufer sogar profitieren: Wenn asiatische Produzenten US-Aufträge verlieren, suchen sie Ersatz – und Europa ist ein attraktiver Markt. Mehr Angebot, bessere Preise.
Mittelfristig kippt der Effekt. Wenn Kapazitäten abgebaut werden, weil der US-Markt wegbricht, sinkt das globale Angebot. Dann steigen die Preise auch in Europa. Wer heute von günstigen Konditionen profitiert, sollte die Lieferverträge nicht zu langfristig auf diese Konditionen auslegen.
Die eigentliche Lehre aus den US-Zöllen ist keine zollpolitische, sondern eine strukturelle: Lieferketten, die auf einem einzigen Kostenvorteil aufgebaut sind, brechen, wenn sich die Politik ändert. Wer heute plant, sollte Diversifikation nicht als Schlagwort behandeln, sondern als Kalkulationsgrundlage.
Häufige Fragen zu US-Zöllen auf Textilimporte
Wer zahlt die US-Zölle auf Textilimporte?
Die Zölle werden vom US-Importeur an der Grenze entrichtet, nicht vom ausländischen Exporteur. Eine deutsche Studie von Januar 2026 zeigt: Nur etwa 4 Prozent der Zollkosten tragen die Exporteure, 96 Prozent bleiben bei US-Importeuren und Verbrauchern.
Was bedeutet Transshipment-Strafzoll für Vietnam?
Seit August 2025 gilt für vietnamesische Exporte in die USA ein Zollsatz von 20 Prozent. Wird die Ware als Transshipment eingestuft – also kein ausreichender Produktionsschritt in Vietnam – steigt der Satz auf 40 Prozent. Entscheidend ist der Nachweis der wesentlichen Umwandlung.
Warum steigen Chinas Textilexporte in die USA trotz Zöllen?
Die absoluten Zahlen wachsen: HS 61 stieg von 17 Mrd. USD (2019) auf 21,3 Mrd. USD (2024). Der Marktanteil sinkt jedoch – von über 19 auf 10,7 Prozent (Q1 2026). Der US-Markt wächst insgesamt schneller als Chinas Exporte.
Wie wirken sich US-Zölle auf Stoffpreise in Europa aus?
Kurzfristig können europäische Käufer von freien Kapazitäten profitieren. Mittelfristig steigen die Preise, wenn Produzenten wegen fehlender US-Aufträge Kapazitäten abbauen. Die Abhängigkeit von einzelnen Beschaffungsmärkten wird zum Risikofaktor.
Warum KEFINE
Globale B2B-Textilintelligenz-Plattform — vertraut von Einkäufern und Herstellern in über 30 Ländern.
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